#133 Kann Kunst mit uns plaudern, Kerstin Ludolph?
True Size of Art und die Kunst der richtigen Antwort
Kerstin Ludolph in ihrem Büro (Foto: Ulrike Frömel)
Künstliche Intelligenz ist längst in der Kunstwelt angekommen. Sie schreibt nicht nur Texte und erzeugt Bilder sondern sie beginnt, in der Person von Künstlerinnen und Künstlern mit uns zu sprechen, die vielleicht schon gar nicht mehr leben.
Meine Gesprächspartnerin in dieser Episode ist die Verlegerin Kerstin Ludolph vom Hirmer Verlag. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei Hirmer und ist mit Kunstbüchern praktisch aufgewachsen. Inzwischen beschäftigt sie sich nicht nur mit deren klassischer Form, sondern auch mit der Frage, wie digitale Möglichkeiten die Kunstvermittlung verändern können. Eine Antwort auf diese Frage ist True Size of Art.
True Size of Art Anwendung (Foto: Hirmer-Verlag)
Zwischen Kunstbuch und digitaler Welt
Kunstbücher können mehr sein als Informationsspeicher. Sie sind sinnlich, haptisch und manchmal echte Herzöffner. In einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar sind, verändert sich ihre Rolle. Kerstin Ludolph erzählt, warum analog und digital für sie kein Gegensatz sein müssen.
Wenn Franz Marc plötzlich antwortet
True Size of Art ist ein neues KI-basiertes Vermittlungsangebot, das nicht einfach auf das gesamte Internet zugreift. Die Inhalte, auf denen die Antworten beruhen, werden der KI separat in einem bewusst vom Internet getrennten Content-Lake zur Verfügung gestellt. Auch Original-Quellen wie historische Briefe oder Dokumente fließen darin ein.
True Size of Art ermöglicht es uns, individuelle Fragen an diesen Informations-Pool zu stellen, die das KI-Format uns daraufhin auf in verschiedenen Sprachen und auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen beantworten kann. Das klingt zunächst einmal nach einer ziemlich praktischen Erweiterung klassischer Kunstvermittlung.
Ich frage mich, ob dies nicht derselbe Vorgang wie bei Wand- und Erklärtesten im Museum ist. Diese Texte gibt es ja schon ewig, und über deren Inhalt entscheiden Museen, Kurator:innen, Kunsthistoriker:innen und andere.
Aber dann kommt Franz Marc ins Spiel.
Im True Size of Art Pilotprojekt „Hallo Franz“ kann man nicht nur etwas über den Künstler erfahren, sondern tatsächlich so kommunizieren, als würde Franz Marc selbst mit uns sprechen. Hinzu kommt, dass die KI Franz Marc lebendig werden lässt: Franz wendet dir sein Gesicht zu und lächelt dich an. Natürlich weiß ich, dass es eine Inszenierung ist. Aber gerade in der Unmittelbarkeit von bewegten Bildern liegt ja eine ganz besondere Wirkung, der wir uns nicht entziehen können.
Und dazu hatte ich diverse Fragen!
Franz Marc in True Size of Art (Foto: Hirmer-Verlag)
Wer entscheidet, was die KI wissen darf?
Bei True Size of Art wird nicht einfach alles eingesammelt, was sich über einen Künstler irgendwo finden lässt. Es wird vorher ausgewählt und entschieden, welche Texte, Bilder und biografischen Informationen überhaupt in die Datenbasis aufgenommen werden.
Bei lebenden Künstler:innen soll das gemeinsam mit ihnen geschehen.
Wie werden aber diese Entscheidungen bei Inhalten zu Künstler:innen getroffen, die nicht mehr leben? Kann diese durch Expert:innen getroffene Vorauswahl neutral sein oder ist sie eventuell stark dem aktuellen Zeitgeist angepasst?
Wie lässt sich verhindern, dass eine KI Dinge “erfindet” und kann sie kann sie all die Zwischentöne, Mehrdeutigkeiten und Interpretationen, die Kunst gerade interessant machen feinsinnig vermitteln?
Fragen-Vorschläge in True Size of Art (Foto: Hirmer-Verlag)
Wie wichtig ist Langsamkeit?
An einer Stelle des Gesprächs musste ich auch an meine eigene Arbeit denken: Ich beschäftige mich seit Jahren mit Langsamkeit, mit intensiver Aufmerksamkeit und mit der Frage, was passiert, wenn wir Dingen viel Zeit geben. Und gleichzeitig leben wir in einer Kultur, in der alles immer schneller verfügbar wird. Und jetzt steht Kunstvermittlung mitten in diesem Spannungsfeld. Ein Bild sehen, eine Frage stellen, eine Antwort bekommen. Nächstes Bild, nächste Frage. Weiter.
Das könnte das Tempo, dem wir heute kaum noch entkommen, verstärken. Tatsächlich könnte es aber auch genau das Gegenteil bewirken: Im Gespräch führt Kerstin Ludolph aus, dass die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen, auch dazu führen kann, dass Menschen tiefer in ein Thema hineingehen. Nicht weil ihnen mehr Information vorgesetzt wird, sondern weil sie selbst entscheiden, was sie wissen möchten.
Beschleunigt uns so eine Technologie oder gibt sie uns die Chance, uns gezielter und tiefer mit etwas zu beschäftigen?
Das wird sich noch zeigen, und ich bin gespannt darauf!
Anwendung von True Size of Art im Franz Marc Museum Kochel (Foto: Ánh Nguyen)
Was könnte daraus für Künstler:innen entstehen?
Für mich war eine Frage am Ende des Gesprächs eine ganz praktische: Was haben wir Künstler:innen von einem solchen KI-Format?
True Size of Art kann – ganz klar – Informationen zu Ausstellungen bündeln, Werke zugänglich machen und es Besucher:innen ermöglichen, ganz eigene Fragen zu stellen. Aber auch hier liegen die Grenzen dort, wo die Quellen enden.
Für Künstler:innen ist allerdings noch eine ganz andere Möglichkeit interessant: vielleicht können wir, mit Hilfe der Anwendung, andere und auch unerreichbare Künstlerinnen und Künstler nach ganz persönlichen Erfahrungen oder künstlerischen Problemen und ihren Lösungsansätzen fragen. Was hat dir geholfen, wenn du nicht weiter wusstest? Wie bist du mit einer kreativen Sackgasse umgegangen?
Ob das möglich ist, hat Frau Ludolph in dieser Episode ausgeführt.
Kerstin Ludolph im Gespräch beim Art-Talk der Positions Berlin 2026
(Foto: Maximilian Schlaukötter)
Das Buch bleibt. Die Fragen auch.
Am Ende unseres Gesprächs ging es noch einmal zurück zum Anfang: zum Kunstbuch. Kerstin Ludolph ist überzeugt, dass hochwertige Bücher ihre Bedeutung behalten werden, gerade wegen ihrer Materialität und Haptik. Digitale Angebote wie True Size of Art können daneben neue Möglichkeiten eröffnen, nicht jedoch das Buch ersetzen.
Ich finde diese Koexistenz interessanter als die Vorstellung, dass ein Format das andere verdrängt. Jedes Medium hat seine Daseinsberechtigung. Sie können sich in ihren Vor- und Nachteilen gewinnbringend ergänzen. Natürlich wollen wir Kunst zugänglicher für Menschen machen, die von klassischen Vermittlungsformen bisher nicht erreicht wurden.
Trotzdem bleiben am Ende einige entscheidende Fragen:
Wollen wir immer schneller an Informationen kommen? Wollen wir eigene Fragen stellen können, statt nur vorbereitete Texte zu lesen? Und ab welchem Punkt verlieren wir irgendwann genau das, was Kunstbetrachtung ausmacht: das eigene Hinsehen, das Aushalten von Unklarheit, die eigene Auseinandersetzung, das langsame Herantasten?
Auch darüber sprechen wir in dieser Episode.
Digitales analog (Foto: Ánh Nguyen)
Nochmal hören:
In den folgenden Episoden findest du Themen, die an das heutige Gespräch anknüpfen:
#118 Mathias Thiel über Pixel und Pinsel, Wallet und Wand
NFTs, Blockchains und Marketplaces endlich erklärt! Mathias Thiel, der sich seit Jahren intensiv mit digitaler Kunst beschäftigt, gibt Einblicke in diese ganz andere Kunstwelt.
#125 Friederike Meier und die erfundenen Frauen
Schönheit zwischen KI und klassischer Malerei. Eine Episode für alle, die wissen wollen, wie Kunst im Dialog mit KI wirklich aussehen kann.
Atelier-Talk wird unterstützt von:
Manuel Koch und seinem Salon Schinkelplatz
„Die schönste Rendite ist die Freude an der Kunst“ sagt Manuel Koch. Als Kunstkenner, Sammler und Finanzexperte weiß er, wovon er spricht.
Die Freude, von der er spricht, ist sogar 3-fach:
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Link-Liste:
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