#125 Friederike Meier und die erfundenen Frauen
Schönheit zwischen KI und klassischer Malerei
Friederike Meier (Foto von: Arshia Maljaei)
In Folge #125 meines Kunst-Podcasts spreche ich mit der Berliner Künstlerin Friederike Meier, die Malerei, Künstliche Intelligenz und Augmented Reality zu einem vielschichtigen, hybriden Kunstprozess verbindet. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Frauenporträts, die nicht auf den ersten Blick „schön“ sein wollen, sondern durch Brüchigkeit, Nachdenklichkeit und emotionale Tiefe wirken. Friederike nutzt dabei KI nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als kritischen Spiegel gesellschaftlicher Schönheitsideale – und als Ausgangspunkt für Malerei, die den digitalen Ursprung bewusst hinter sich lässt und im physischen Raum weiterlebt.
Titel: Theresa
Material: Acryl auf Leinwand, 120 cm × 140 cm
Schönheit als Moment des Innehaltens
Friederike wächst in einer kreativen Umgebung auf und erzählt von dem Einfluss ihres künstlerisch geprägten Elternhauses: Zeichnende Großeltern und Eltern haben ihr früh beigebracht, genauer hinzusehen. Nicht nur auf Häuser oder Himmel, sondern auf Licht, Formen und Stimmungen.
Diesen geschulten Blick richtet Friederike heute auf Gesichter und die Geschichten dahinter. Schon in ihren frühen Malereien stehen Frauen im Mittelpunkt. Ihre Figuren wirken oft müde, traurig oder nachdenklich - und gleichzeitig stark. Sie entsprechen nicht dem in den Medien gängig vermittelten Schönheitsideal und besitzen dadurch eine ganz besondere Präsenz.
Gruppenausstellung “What We See”, Berlin 2024
Schönheit als Widerstand gegen das Erwartbare
Schönheit entsteht für Friederike genau in diesem Spannungsfeld zwischen Verletzlichkeit und innerer Kraft und nicht im schnellen Konsum. Sie beschreibt Schönheit als einen Moment des Innehaltens, in dem das Außergewöhnliche den Blick festhält, sich im zweiten Blick erschließt und eben nicht dem Perfekten oder gesellschaftlich Vermitteltem entspricht. Diese Aufmerksamkeit für das Besondere kenne ich auch aus meiner eigenen künstlerischen Arbeit sehr gut.
“Sophie” im Atelier Berlin-Pankow
Der Weg zur KI als kreativem Spielraum
Ein zentraler Teil unseres Gesprächs widmet sich der Frage, wie die Nutzung von KI in Friederikes Arbeit Einzug gehalten hat.
Ein Ausstellungsbesuch in Stuttgart wird dabei zum Wendepunkt für sie: Friederike erkennt, dass sich KI und Malerei verbinden lassen.
Was als spielerisches Experiment beginnt, entwickelt sich zu einem zentralen Bestandteil ihres künstlerischen Arbeitens.
Heute generiert Friederike Meier ihre Frauenportraits in einem aufwändigen Experimentierprozess mithilfe der KI. Hierbei trifft immer wieder Planung auf Zufall. Besonders spannend wird es dort, wo Friederike ganz bewusst gegen gängige Schönheitsnormen arbeitet und nach Ergebnissen sucht, die nicht dem Erwartbaren entsprechen.
Aus einer Vielzahl digitaler Entwürfe bleiben am Ende nur wenige Motive übrig. Friederike beschreibt, wie sehr sie sich bei der Auswahl auf ihr Bauchgefühl verlässt und wie besonders der Moment ist, in dem sie weiß “das ist sie” - die Grundlage für meine nächste Ölmalerei. Dieser Moment markiert den Übergang vom digitalen Bild zur künstlerischen und gedanklichen Auseinandersetzung auf der Leinwand. In dieser Phase entsteht bereits eine innere Geschichte zu dem Portrait, die den weiteren Prozess begleitet und die Ausarbeitung in Öl bestimmt.
Ergebnis des KI- und Auswahlprozesses, als erster Ausgangspunkt für ein späteres Porträt.
Vom Digitalen zur physischen Präsenz
In der Malerei lösen sich Friederike Meiers Figuren von ihrem KI-generierten fotorealistischen Ursprung und entwickeln eine eigene, expressive Bildsprache. Farbe, Kontrast und Materialität verleihen den Porträts eine körperliche Präsenz, die im Raum wirkt und unabhängig von ihrem digitalen Ursprung Bestand hat. Der physische Prozess des Malens wird so zu einem Gegengewicht zur Geschwindigkeit und Flüchtigkeit der digitalen Welt. Friederikes Begeisterung, als sie über ihren Workflow spricht, reißt richtig mit!
Mathilde im Entstehungsprozess, 2025.
Titel: Mathilde
Material: Acryl auf Leinwand, 50 × 50cm, 2025.
Kann ein KI-generiertes Bild Kunst sein?
Natürlich habe ich Friederike auch die Frage gestellt, die Vielen immer wieder durch den Kopf geht: Mit KI Bilder generieren - ist das Kunst?
Friederike begegnet der Kritik an KI-Bildern mit großer Offenheit und Gelassenheit. Für sie entsteht Kunst nicht allein im fertigen Bild, sondern vor allem im Prozess der Entscheidung, Auswahl und der bewussten Gestaltung. Sie beschreibt ihre Arbeit mit KI als eine Form des Kuratierens und Komponierens, bei der jeder Schritt, vom ersten Prompt bis zur finalen Umsetzung auf der Leinwand eine künstlerische Handlung ist.
In unserem Gespräch hat mich dabei besonders gepackt, mit welcher Begeisterung sie ihren umfangreichen und aufwändigen Arbeitsprozess mit der KI im Detail beschreibt. Da steckt so viel Kreativität drin. Hört Euch das unbedingt an!
Dieses KI-Bild wurde später zu “Inés”.
“Inés”
Ablehnung oder Skepsis ihrer Arbeitsweise versteht Friederike nicht als Angriff, sondern als Teil einer größeren Diskussion darüber, was Kunst in einer technologisch geprägten Gegenwart sein kann. Gerade diese Reibung sieht sie als Zeichen dafür, dass ihre Arbeiten Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen.
KI als Spiegel von Gesellschaft und Stereotypen
Durch ihre Arbeit mit KI erkennt Friederike immer wieder, wie stark gesellschaftliche Schönheitsnormen in den generierten Bildern sichtbar werden. Die KI greift auf Bildvorlagen zurück, die als „wahrscheinlich schön“ gelten und macht damit kulturelle Stereotype und gängige Schönheitsideale sichtbar.
Das inspiriert Friederike, ihren eigenen Schönheitsbegriff noch bewusster dagegenzusetzen und in ihrer Malerei auszuarbeiten.
Ein KI-Bild wie dieses ist für Friederikes Ausarbeitung ungeeignet. Es spiegelt zu sehr die gesellschaftlichen Schönheitsideale wider.
Dieses KI-Foto wurde später zu “Nora”.
“Nora” in der Galerie New & Abstract, Berlin, 2025
“Cassandra” im Atelier, 2025
Bewegung, Erweiterung und offener Zukunftsblick
Seit etwa zwei Jahren erweitert Friederike ihre Werke auch mit Augmented Reality. Über einen QR-Code können Besucher ihre Bilder mit dem Smartphone „zum Leben erwecken“: Die gemalten Figuren beginnen sich auf dem Bildschirm zu bewegen. So entsteht eine neue Ebene zwischen statischem Kunstwerk und digitaler Animation.
Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie sich Kunst und Technologie weiter miteinander verbinden lassen. Friedrikes Arbeit zeigt Kunst als einen Prozess, der nicht abgeschlossen ist, sondern sich mit jeder technischen und gesellschaftlichen Veränderung neu verhandelt. Ein unglaublich spannendes Feld, das mich im Gespräch mit Friederike überraschend gepackt hat!
Gruppenausstellung, Galerie Heike Arndt, Lolland, Dänemark, 2025.
Nochmal hören:
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Manuel Koch und seinem Salon Schinkelplatz
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Link-Liste:
Mehr über Friederike Meier findest du hier:
Friederike hat keine Webseite! Wieso nicht, das hörst du im Gespräch!
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