#130 Werner Tammen - ein halbes Jahrhundert Kunstbetrieb
Von Kirchner bis KI
Werner Tammen vor einem Gemälde von Sador Weinsčluker, 2025
Werner Tammen gründete vor fast fünf Jahrzehnten seine erste Galerie in Berlin. Seitdem hat er den deutschen Kunstbetrieb aus unterschiedlichsten Perspektiven erlebt: als Galerist, Verbandsvorsitzender und aufmerksamer Beobachter des Kunstmarkts. Nur Wenige haben den Berliner Kunstbetrieb über einen so langen Zeitraum begleitet wie er, und er blickt auf ein Berufsleben zurück, das eng mit den Veränderungen des Kunstmarkts verbunden ist.
Vom Dorfkind zum Galeristen
Es gibt Lebensläufe, die sind durch das Elternhaus vorbestimmt. Werner Tammens Lebensweg gehört sicher nicht dazu, denn Kunst spielte in seinem Elternhaus kaum eine Rolle. Und doch begann seine Beziehung zur Kunst erstaunlich früh. Prägend dabei war für ihn eine engagierte Kunst-Lehrerin, die offenbar mit Begeisterung und ungewöhnlichen Perspektiven (Stichwort: Zahnpasta…) etwas in ihrem Schüler zum Klingen brachte. Eine Staffelei zu Weihnachten und eine selbst gemalte Kopie von Kirchners berühmtem Selbstbildnis als Soldat besiegelten dann den zukünftigen Weg. Wie aus dieser frühen Begeisterung schließlich ein ganzes Leben für die Kunst wurde, erzählt Tammen mit einer Mischung aus Nachdenklichkeit und trockenem Humor.
Werner Tammen vor der Galerie Tammen in Berlin
Eine Galerie als Abenteuer
Heute erscheint eine etablierte Galerie oft wie eine feste Institution. Im Gespräch wird jedoch spürbar, wie viel Improvisation, Mut und Beharrlichkeit hinter den ersten Jahren steckten. Werner Tammen berichtet von politischen Plakaten, Satire-Ausstellungen, Warteschlangen vor der Galerie und Nebenjobs, die man von einem Galeristen vielleicht nicht erwarten würde. Gerade diese Geschichten machen deutlich, dass Kunstbetrieb nicht nur aus Vernissagen und Kunstmessen besteht, sondern oft aus einer engagierten und mutigen Mischung aus Leidenschaft und Durchhaltevermögen.
Werner Tammen mit seiner Frau Gabriele Tammen-Parr, Künstlerin Marion Eichmann, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbinder, 2024
Was macht große Künstler aus?
Wenn ich einen so erfahrenen Galeristen zum Gespräch in meinem Kunst-Podcast habe, dann darf eine Frage natürlich nicht fehlen: Woran erkennt ein Galerist eigentlich Qualität, beziehungsweise was macht erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler wirklich aus? Die Antwort darauf ist etwas länger und ich kann sie hier nicht ausführlich wiederholen. Besonders spannend fand ich jedoch dabei die Beobachtungen von Werner Tammen darüber, wie sehr sich Künstlerkarrieren in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben, welche Rolle Alkohol früher und heute spielte und welche Eigenschaften trotz aller Veränderungen erstaunlich konstant geblieben sind. Mit solchen Einblicken hatte ich vorab gar nicht gerechnet und habe diese Stellen des Gesprächs ganz besonders genossen.
Werner Tammen mit der Skulptur “Fischträger” von Trak Wendisch auf Sylt, realisiert 2004, Foto 2023.
Zwischen Tradition und digitaler Gegenwart
Kunst gilt als innovativ, der Kunstmarkt dagegen oft als erstaunlich konservativ. Wie passt das zusammen? Wir sprechen über die Entwicklung des Kunstmarkts von den 1970er Jahren bis heute, über den Wandel Berlins nach dem Mauerfall und über die Rolle von Social Media. Dabei wird deutlich, dass viele Diskussionen, die heute neu erscheinen, in anderer Form bereits früher geführt wurden. Besonders interessant ist Tammens Blick auf die Sichtbarkeit von Künstlerinnen und Künstlern: Wie finden Künstler heute ihr Publikum? Welche Rolle spielen Galerien noch? Ich fand die Antwort deutlich komplexer, als Viele sie vermutlich vermuten.
Werner Tammen in der Landschaft – Fotografin Angela Fensch
KI als Bedrohung, Werkzeug oder neue Kunstform?
Ein Schwerpunkt unseres Gesprächs ist die Künstliche Intelligenz. Werner Tammen beschäftigt sich nicht nur theoretisch mit dem Thema, sondern hat als Galerist und Verbandsvertreter aktiv dazu beigetragen, dass die Kunstszene sich damit auseinandersetzt, indem er zum Beispiel die diversen Player in diesem Markt zu einem KI-Symposium zusammengeholt hat. Wir sprechen über KI-Kunst, Urheberrechte sind ein Thema, die Zukunft künstlerischer Arbeit und die Frage, ob das handwerklich Geschaffene künftig sogar an Bedeutung gewinnen könnte. Mich verblüffte dann, und das verrate ich hier schon, die Haltung von Werner Tammen: statt in Alarmismus zu verfallen oder in Technikbegeisterung auszubrechen, zwei Reaktionen auf KI die ich ganz häufig wahrnehme, interessiert ihn vor allem, was Kunstgeschichte immer wieder ausgezeichnet hat, nämlich ihre Fähigkeit, Neues aufzunehmen, ohne das Bestehende vollständig zu verdrängen.
Werner Tammen mit seiner Frau Gabriele Tammen-Parr auf dem Galerienfest der Art Karlsruhe 2022 – Fotograf Lars Theuerkauff
Neugier als Lebenshaltung
Gegen Ende unseres Gesprächs möchte ich mit Werner Tammen noch ein paar persönlichere Themen besprechen. Es geht um sein vor zwei Jahren erhaltene Bundesverdienstkreuz, von dem er erst dachte, es sei für seine Frau und wir reißen die Zukunft seiner Galerie an – oder zumindest das baldige Jubiläumsjahr. In dem Zusammenhang kommt mir eine absurde Szenerie und damit die Frage in den Kopf, welche Eigenschaft eines Galeristen wohl bleiben würde, wenn es plötzlich keine Kunst mehr gäbe. Seine Antwort darauf ist ebenso schlicht wie treffend!
Werner Tammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einer Arbeit von Marion Eichmann, 2024.
Ich empfand es als sehr bereichernd mit einem Menschen zu sprechen, der den Kunstmarkt schon so lange intensiv begleitet. Es war spannend für mich zu erfahren, wie Werner Tammen auf dessen Zukunft blickt, warum ihn KI zugleich fasziniert und welche Bereiche ihm tatsächlich auch ein wenig Angst machen und hier und da kleine Einblicke zu bekommen auf das Geschehen und die Abläufe von fast einem halben Jahrhundert. Manche Antworten haben mich überrascht, manche Anekdoten amüsiert. Und einige Gedanken sind mir deutlich länger im Kopf geblieben, als zunächst erwartet.
Nochmal hören:
In den folgenden Episoden findest du Themen, die an das heutige Gespräch anknüpfen:
#118 Mathias Thiel über Pixel und Pinsel, Wallet und Wand:
Ich stelle Mathias Thiel all die Fragen über digitale Kunst, die mir schon so lange durch den Kopf gehen. Sein Leben ist durch seine Arbeit als Art Director vollständig von Kunst durchdrungen. Er ist leidenschaftlicher Sammler und hat sich tief in den digitalen Kunstmarkt eingearbeitet.
#95 Künstlergespräch mit ChatGPT:
KI ist seit ChatGPT in aller Munde, sei es aus Neugier oder Skepsis. Wie immer, wenn eine neue Entwicklung die Gesellschaft durchrüttelt, ist ja eigentlich schon klar - Skepsis ist gut, aber sinnvolle Nutzung auch eine Chance.
#57 Max Rübensal - Künstler des 21. Jahrhunderts:
Bildhauer, Maler und Konzeptartist: Max Rübensal ist breit aufgestellt. Dass der Autodidakt sich aber nicht nicht nur als Künstler versteht, sondern durchaus auch als Businessman, das wird im Gespräch schnell deutlich.
Atelier-Talk wird unterstützt von:
Manuel Koch und seinem Salon Schinkelplatz
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Die Freude, von der er spricht, ist sogar 3-fach:
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Link-Liste:
Mehr über die Galerie Tammen findest du hier:
Außerdem:
Mehr über mich, Stephanie Hüllmann, gibt’s auf meiner
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