#128 Ist das Kunst oder Handwerk, Maike Weyrich?
Ein Gespräch zwischen Faden, Form und Freiheit
Maike Weyrich vor einem ihrer großen Webstühle.
Eine Episode mit der Hamburger Hand-Weberin Maike Weyrich über eine Frage, die überraschend offen bleibt: Handwerk oder Kunst? Ausgangspunkt ist das Weben, doch schnell wird daraus ein Gespräch über Material, Zeit und die Art, wie Arbeiten unser Denken verändert.
Frühe Gewissheit
Manchmal beginnt ein Lebensweg nicht mit einer Entscheidung, sondern mit einer Begegnung. Schon mit 5 Jahren steht für Maike Weyrich ihr Berufswunsch fest. Und sie verfolgt diesen Wunsch tatsächlich ihr Leben lang. Er trägt sie durch Ausbildung, politische Umbrüche und berufliche Wechsel hindurch. Spannend dabei: diese Konzentration auf das Eine verändert sich dennoch ständig.
Denn was als Handwerk beginnt, bleibt für Maike nie nur Handwerk.
Ein Lieblingsmaterial von Maike: Leder
Material als Dialog
Maike nimmt uns mit in die Tiefen ihrer Arbeit. Und es entsteht ein Bild, das weniger nach Plan aussieht als nach Gespräch. Stoffe, Leder, Federn, textile Reste – nichts davon ist einfach nur Rohstoff. Alles wird für Maike Teil eines Prozesses, der sich nicht vollständig im Voraus festlegen lässt.
Tasche oder Objekt?
Aber nicht nur das Material wird geformt. Auch die Person, die es bearbeitet, verändert sich im Tun. Gedanken tauchen auf, verschwinden wieder, verbinden sich mit Erinnerung oder Gegenwart. Konzentration und Loslassen existieren dabei nicht getrennt, sondern gleichzeitig.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich Handwerk nicht mehr nur als Technik beschreiben lässt. Da scheint so viel mehr zu sein. Und es scheint ein ganzes Leben zu formen.
Nicht auf jedem Webstuhl zu finden: Federn
Zwischen Zuschreibung und gelebter Praxis
Was ist das eigentlich: Kunst oder Handwerk? Unser Gespräch umkreist diese Frage, immer neu, immer spannend, ohne sie final beantworten zu können. Und genau darin liegt ihre Spannung. Denn während die Praxis eindeutig im Handwerk verankert ist, verschiebt sich ihre Wahrnehmung je nach Kontext. Auch der Raum spielt eine Rolle: Atelier, Werkstatt, Museum, Galerie.
Maike Weyrichs Atelier
Und mich erstaunt Folgendes: unsere Auseinandersetzung mit diesem Thema macht sichtbar, wie stark solche Kategorien auch von außen definiert werden! Und wie lange es dauern kann, bis eine Arbeit als „Kunst“ anerkannt wird, selbst wenn sie von uns selbst längst als solche gefühlt wird. Oder brauchen wir diese Bestätigung von außen sogar?
Doch statt einer eindeutigen Antwort bleibt etwas anderes zurück: ein produktiver Zwiespalt. Vielleicht sogar ein fruchtbarer Zustand des Dazwischen.
Nur der Stuhl ist nicht von Maike…!
Was Arbeit mit einem Menschen macht
Im Gespräch wird sehr schnell deutlich, dass das Weben für Maike nicht nur ein Tun ist, sondern eine Art innerer Takt. Wiederholung, Rhythmus, Langsamkeit – all das führt nicht zu Monotonie, sondern in eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Ein Zustand, in dem Gedanken sich ordnen, Entscheidungen klarer werden und etwas entsteht, das schwer zu benennen ist: Ruhe, Verdichtung, Präsenz. Und das ist auch für mich selbst und für meine Art zu arbeiten ein Aha-Moment!
Maike Weyrich am Webstuhl
Interessant ist dabei weniger das Ergebnis als die Wirkung des Prozesses selbst. Maike berichtet, dass auch bei anderen, die das Weben ausprobieren, sich etwas Ähnliches zeigt: eine Verlangsamung, eine Art innere Sammlung.
Und irgendwann stellt sich die Frage fast von selbst: Verändert eine solche Praxis nur das Material? Oder nicht vielleicht auch unseren Blick auf die Welt?
Webstück mit Federn
Kreisläufe, Wert und eine leise politische Dimension
Warum kostet etwas, das mit der Hand entsteht, mehr als industrielle Massenware? Und was bedeutet es eigentlich, wenn wir den Ursprung von Dingen nicht mehr kennen?
Hier wird das Gespräch leise politisch. Oder ist es doch eher philosophisch? Es geht um Materialbewusstsein, um Kreisläufe, um die Idee, Dinge nicht nur zu konsumieren, sondern wieder in Prozesse zurückzuführen. Nicht als Ideal, sondern als Möglichkeit, die bereits existiert…wenn man sie zulässt.
Maike gibt nicht nur in Hamburg ihre Kurse - sie ist auch häufig in Ahrenshoop an der Ostsee
Mein Webstück bei Maike
So. In der Episode hatte ich berichtet, dass ich nach der japanischen Web-Methode “Saori” gearbeitet habe. Das bedeutet, dass ich sehr intuitiv vorgegangen bin und nichts, also kein Muster, keine Farbverläufe oder irgendwas geplant habe. Aber nicht nur das. Ich habe verarbeitet, was auch immer mir unter die Finger kam: neben Wolle kamen unter anderem Plastiktüten, Vogelfedern, Algen, Schoko-Verpackung und zerschnittene Stoffe auf den Webrahmen. Ich hatte versprochen, dass ich euch das Ergebnis zeige…und hier ist es:
Maike und ich am Webstuhl
Das fertige Stück
Hängend in Flur mit farblich passenden Gläsern
Nochmal hören:
In den folgenden Episoden findest du Themen, die an das heutige Gespräch anknüpfen:
#103 Heikedine Günther und der Kern der Kunst:
Ich frage Heikedine Günther, wie sie ihr künstlerisches Thema gefunden hat und wie es sich anfühlt, sich seit 20 Jahren in ihren Arbeiten nur damit zu beschäftigen.
#114 SMALL-Talk: Und dann machst du es trotzdem!
Ich gehe dem Thema auf den Grund, welche Arten von Mut es braucht, um Kunst zu erschaffen? Und warum Mut vielleicht die wichtigste Ressource für Künstlerinnen und Künstler ist?
Atelier-Talk wird unterstützt von:
Manuel Koch und seinem Salon Schinkelplatz
„Die schönste Rendite ist die Freude an der Kunst“ sagt Manuel Koch. Als Kunstkenner, Sammler und Finanzexperte weiß er, wovon er spricht.
Die Freude, von der er spricht, ist sogar 3-fach:
Zum einen entsteht sie aus dem Wissen, dass mit dem Kauf von Kunst Künstlerinnen und Künstler unterstützt werden und ihnen und ihrer Arbeit Wertschätzung geschenkt wird.
Du als Käufer:in hast die Freude an einem neuen Kunstwerk, das deinen Alltag verschönert und bereichert.
Durch das Kaufen von Kunst kannst du für dich ein richtig gutes Investment tätigen.
Alle Infos findest du bei: www.salon-schinkelplatz.de .
Link-Liste:
Mehr über Maike Weyrich findest du hier:
Außerdem:
Mehr über mich, Stephanie Hüllmann, gibt’s auf meiner
Mehr über meinen Kunst-Podcast-Unterstützer Manuel Koch und seinen Salon Schinkelplatz findest du hier:
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